Notare Vorsorge-Studie: Eigenständig statt fremdbestimmt 


Die Österreichische Notariatskammer hat untersucht, wie die Österreicher vorsorgen. Dazu wurden 1.500 Personen zwischen 24 und 69 Jahren in einer Online-Studie befragt. Acht von zehn Österreichern haben Maßnahmen getroffen, um sich persönlich und rechtlich abzusichern. Die Mehrheit fürchtet steigende Lebenserhaltungskosten, verschlechterte Wirtschaftslage und Verarmung im Alter. Fast jeden Zweiten beschäftigt die Sorge, körperlich schwer bzw. an Demenz zu erkranken. 

Für die Mehrheit der Österreicher (54 Prozent) bedeutet Vorsorge treffen, eine Lebensversicherung abzuschließen. Auf Platz zwei mit 40 Prozent folgt die Pensionsversicherung. 39 Prozent legen ihr Geld auf ein oder mehrere Sparbücher. Auf Platz vier folgt das Testament: Rund 20 Prozent der Österreicher haben einen letzten Willen verfasst. „Damit hat die Bedeutung des Testaments gegenüber einer Studie der Notare aus dem Jahr 2014 wieder zugenommen“, weiß Michael Lunzer, Notar aus Wien. Damals lag der Anteil der Österreicher, die einen letzten Willen verfasst hatten, unter 20 Prozent.

Auf den weiteren Plätzen in der aktuellen Studie: Aktienpakete/Fonds (17 Prozent), Immobilien (16 Prozent), Patientenverfügung (7 Prozent), Bargeld (6 Prozent) sowie Ehe- bzw. Partnerschaftsvertrag (4 Prozent). Eine Vorsorgevollmacht haben drei Prozent der Österreicher verfasst.

Vorsorge interessiert alle Österreicher: Auch für die „Jungen“ relevant

Fast jeder zweite Österreicher hat sich laut Notare-Studie bereits Gedanken zum Thema persönliche und rechtliche Vorsorge gemacht. Grundsätzlich gilt: Je älter die Österreicher sind, desto eher beschäftigt sie dieses Thema, relevant ist es aber für alle Altersgruppen: 58 Prozent der 60- bis 69-Jährigen geben an, sich darüber Gedanken zu machen. Bei den 30- bis 39-Jährigen sind es immerhin auch fast 45 Prozent und bei den 24- bis 29-Jährigen 42 Prozent.

Bekanntheit der Vorsorgevollmacht steigt: Frauen noch aufgeschlossener

Sollte man jemals körperlich oder geistig nicht mehr in der Lage sein, selbständig Entscheidungen zu treffen, fürchten die Österreicher am stärksten, dass sie die Dinge des Alltags nicht mehr selbständig entscheiden können (67 Prozent), über medizinische Eingriffe nicht mehr selbst bestimmen können (59 Prozent) und eigene Geld- und Bankgeschäfte nicht mehr selbst abwickeln können (54 Prozent). 56 Prozent fürchten, vom Gericht eine nicht bekannte Person beigestellt zu bekommen, die sich um die persönlichen Geschäfte kümmert. 

Die Bekanntheit der Vorsorgevollmacht hat sich denn auch seit 2004 von 46 Prozent auf über 80 Prozent im Jahr 2015 deutlich erhöht. Fast ein Drittel der Befragten möchte mehr über das Thema wissen, 17 Prozent denken konkret darüber nach, eine Vorsorgevollmacht zu erstellen. Frauen stehen der Vorsorgevollmacht grundsätzlich aufgeschlossener gegenüber.

Michael Lunzer: „Die Vorsorgevollmacht ist ein ideales Instrument für den Fall, dass man geschäftsunfähig ist und bietet viel Spielraum in der Gestaltung.“ Jeder Zweite möchte seine Vertretung vor Behörden und Gerichten sicherstellen. Fast ebenso viele Österreicher wollen mit einer Vorsorgevollmacht die Wahrnehmung ihrer Rechte gegenüber Ärzten, Krankhäusern, Pflegeheimen und die Einsicht in die Krankenakte sicherstellen.

Notare sind erste Ansprechpartner bei Vorsorgevollmachten

Wie bereits in einer Notare Studie aus dem Jahr 2011 sind die Notare weiterhin Ansprechpartner Nummer eins, wenn es um das Thema Vorsorgevollmacht geht. 40 Prozent der Österreicher suchen Rat beim einem Notar bzw. einer Notarin, wenn es darum geht, eine Vorsorgevollmacht zu erstellen. „Das ist für unseren Berufsstand ein klarer Auftrag“, stellt Notar Lunzer fest. 23 Prozent suchen sich eine Vorlage aus dem Internet und formulieren ihre Wünsche selbst, da sie davon ausgehen, dass  „eine Vorsorgevollmacht keinen fixen Rahmen braucht“. Und knapp 17 Prozent der Befragten suchen Rat bei Verwandten, Freunden und Kollegen. “Eine umfassende und kompetente Unterstützung durch Notarinnen und Notare hilft, dass eine gültige Vorsorgevollmacht errichtet wird und dass spätere Rechtstreitigkeiten vermieden und dadurch Kosten gespart werden“, betont Michael Lunzer. 

Die Sorgen und Ängste der Österreicher

Mehr als 56 Prozent der Österreicher bereitet der Anstieg der Lebenserhaltungskosten Sorgen. 55 Prozent haben Bedenken wegen einer Verschlechterung der Wirtschaftslage. Danach folgt die Furcht vor einer schweren Erkrankung mit rund 50 Prozent. Rund 43 Prozent der Befragten beschäftigt, im Alter nicht finanziell abgesichert zu sein. Fast 40 Prozent fürchten, im Alter an Demenz zu erkranken. Vereinsamung macht 26 Prozent Angst. Ein Viertel bangt, den Arbeitsplatz zu verlieren. 23 Prozent quält die Vorstellung, im Alter gegen ihren Willen in ein Senioren- oder Pflegeheim zu kommen. 18 Prozent befürchten eine Besachwaltung. Diese Menschen wird beruhigen, dass eine Reform der Sachwalterschaft in Österreich bevorsteht. Ein Entwurf ist gerade in Ausarbeitung. Die Zahl der Sachwalterschaften von derzeit 70.000 soll um ein Drittel reduziert werden. Notar Lunzer: „Das Modellprojekt „Unterstützung zur Selbstbestimmung“ hat gezeigt, dass es sehr oft möglich ist Sachwalterschaften zu vermeiden.“

Frauen sorgen sich stärker als Männer

So haben Frauen mit mehr als 60 Prozent eine deutlich größere Angst vor steigenden Lebenskosten als Männer (52 Prozent). Auch vor einer Verschlechterung der Wirtschaftslage fürchten sich die weiblichen Befragten mit rund 57 Prozent eher als Männer (53 Prozent). Doch vor allem bei der finanziellen Absicherung im Alter machen sich deutliche Unterschiede zwischen Frauen und Männern bemerkbar: Während jede zweite Frau Angst davor hat, im Alter nicht abgesichert zu sein, sind es „nur“ 36 Prozent der Männer.  

Die Vorsorgevollmacht – Ein Dokument der Selbstbestimmung

Nicht nur ältere Menschen wollen selbstbestimmt ihr Leben führen. Auch in jungen Jahren kann durch eine schwere Erkrankung oder einen Unfall Vorsorge mit einem Schlag wichtig werden. Mit der Vorsorgevollmacht bestimmt eine Person, wer in ihrem Namen handeln und Entscheidungen treffen darf, wenn sie selbst nicht mehr in der Lage dazu ist, und nicht ein vom Gericht bestimmter Sachwalter. Man bestimmt, wer die Person seines Vertrauens ist, wer welche Entscheidungen treffen und welche Geschäfte in seinem Namen durchführen darf,  wann diese Vollmacht in Kraft tritt und vor allem: Der Einzelne trifft selbst diese Entscheidungen, bevor es jemand anderer für ihn entscheiden muss.

Die Vorsorgevollmacht entfaltet ihre Wirksamkeit erst zu jenem Zeitpunkt, zu welchem der Vollmachtgeber entweder geschäftsunfähig wird oder seine Einsichts- und Urteilsfähigkeit verliert. Eine Vorsorgevollmacht kann jederzeit widerrufen werden. 

Das Österreichische Zentrale Vertretungsverzeichnis, ÖZVV

Der Notar hilft nicht nur eine Vorsorgevollmacht zu verfassen, er sorgt auch dafür, dass diese auffindbar ist. Jede Vorsorgevollmacht, die beim Notar hinterlegt ist, kann im Österreichischen Zentralen Vertretungsverzeichnis, ÖZVV, registriert werden. So wird dafür gesorgt, dass der Wille nicht nur auf dem Papier steht, sondern im Falle des Falles auch gefunden werden kann. Im ÖZVV sind derzeit rund 70.000 Vorsorgevollmachten registriert. 2015 wurden über 17.500 Verfügungen neu registriert. Monatlich kommen derzeit rund 1.900 Registrierungen dazu.   

Daten und Fakten: Für wen ist Vorsorgevollmacht wichtig?

  • Jeder dritte Österreicher leidet laut WHO zumindest einmal in seinem Leben an einer schweren psychischen Erkrankung.

  • Mehr als 130.000 Menschen sind in Österreich von Demenz betroffen. Bis 2050 können es bis zu 400.000 sein.

  • Die Wahrscheinlichkeit an Demenz zu erkranken, steigt ab dem 65. Lebensjahr steil an. Der Anteil von Menschen über 60 Jahren an der Gesamtbevölkerung nimmt zu: von heute rund 23 Prozent auf 34 Prozent im Jahr 2050.

  • In Österreich werden jährlich 830.000 Menschen bei Unfällen verletzt. 622.000 davon im Haushalt, in der Freizeit und beim Sport.

Quellen: Statistik Austria, Bundesministerium für Gesundheit

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